Nur einer von 44: Weshalb sind so wenige Ostdeutsche in der deutschen Nationalmannschaft vertreten?
In Jürgen Klopps (59) umfangreichem XXL-Kader für Deutschland finden sich insgesamt 44 Spieler – doch lediglich einer davon stammt aus Ostdeutschland: der Potsdamer Kevin Schade (24). Für Fans in den neuen Bundesländern wird dies sicherlich enttäuschend sein. Doch was sind die Gründe für dieses auffällige Ost-West-Ungleichgewicht im DFB-Team?
Nur einer von 44 entspricht knapp über zwei Prozent. Auch ein Blick auf die Bundesliga zeigt kaum Besserung: Dort liegt der Anteil ostdeutscher Spieler im Jahr 2024 bei etwa fünf Prozent. Ostdeutsche Fußballer sind somit sowohl in der Nationalmannschaft als auch in der höchsten Spielklasse stark unterrepräsentiert.
In den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern leben etwa 15 Prozent der deutschen Bevölkerung. Betrachtet man den Geburtsort, sind sogar rund 19,4 Prozent der Bevölkerung Ostdeutsche.
Marco Hartmann (38), Leiter der Nachwuchsakademie von Dynamo Dresden, erklärt gegenüber TAG24: „Tatsächlich gibt es in den östlichen Regionen deutlich weniger Bundesligavereine als in anderen Teilen Deutschlands.“
Derzeit spielen mit Union Berlin und RB Leipzig nur zwei ostdeutsche Klubs in der Bundesliga, während Dynamo Dresden, der 1. FC Magdeburg und Energie Cottbus zumindest in der 2. Liga vertreten sind.
„Zudem gibt es viel weniger Großstädte, was auch zu einer geringeren Dichte an Talenten führt“, ergänzt der frühere Profi. Im Gegensatz zu westlichen Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet erfordere es in der Region aufgrund der weiten Entfernungen einen erheblich größeren Aufwand, Talente zu fördern, erklärt der 38-Jährige.
Dass die neuen Bundesländer sportlich weiterhin mit den Nachwirkungen der Wiedervereinigung kämpfen, erschwert die Situation zusätzlich. Viele ostdeutsche Vereine wurden nach der Wende sprichwörtlich „ausgenommen“ und dabei oft auch übervorteilt.
Junge Talente samt ihrer arbeitssuchenden Familien wurden abgeworben, während die westlichen Vereine von deren Weiterverkäufen profitierten. „Die Angriffsfläche war groß, und einigen Klubs wurde so die Zukunft genommen“, beschreibt Hans-Georg Moldenhauer (84), der erste Präsident des NOFV, die Lage.
Dr. Jutta Braun (59), Historikerin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, erläutert gegenüber TAG24: „Bis zum Sommer 1993 hatten 64 Spieler – fast die Anzahl von sechs kompletten Mannschaften – aus der ehemaligen DDR-Oberliga Verträge bei westlichen Vereinen.“
Dennoch lasse sich der aktuelle Zustand des Ostfußballs laut Braun nicht allein durch die Ereignisse in den Anfangsjahren der deutschen Einheit erklären.
„Sport spiegelt nicht nur gesellschaftliche Entwicklungen wider, sondern vor allem auch wirtschaftliche. Die Vereine sind stark auf lokale und regionale Sponsoren angewiesen – und hier ist der Osten im Vergleich zum Westen strukturschwach“, so Braun.
Außerdem sind in den neuen Bundesländern bis heute deutlich weniger Sportler in Vereinen aktiv. „Die tieferliegenden Gründe hierfür sind weiterhin umstritten“, erklärt Braun. Die Erklärungsansätze reichen von der sozialen Unsicherheit durch die Wiedervereinigung bis hin zu einer leistungsorientierteren Sportkultur in der DDR, die andere Schwerpunkte setzte.
Trotzdem wird auch im Osten intensiv daran gearbeitet, bessere Voraussetzungen zu schaffen, damit mehr Talente aus der Region den Sprung in den Profifußball schaffen können. Das Zauberwort lautet hierbei Professionalisierung.
„Mit dem Trainingszentrum wurde eine wichtige infrastrukturelle Basis geschaffen, und zusätzlich wurde mit der U21 eine weitere Juniorenmannschaft als Brücke zu den Profis etabliert“, berichtet Dynamos Akademie-Leiter Hartmann. „Darüber hinaus wurden die Qualifikation der Mitarbeiter verbessert und der Betreuungsschlüssel erweitert.“