zurück

Union-Berlin-Blog: Ausverkauft in Rathenow

Berlin – Eiserne Leidenschaft: Bei TAG24 gibt es den Union-Berlin-Blog, betrieben von drei echten Berliner Fußballfans aus einer Personalunion.

Die Verfasser:

Icke (Jürgen Heinemann) ist seit Mitte der 1970er Jahre Union-Anhänger und seit über 30 Jahren als Betriebswirt im Vertrieb tätig. Er ist verheiratet, Vater eines erwachsenen Kindes und lebt heute in Grünheide. Als Gründer dieses Blogs gibt er hier seine Gedanken wieder.

Unionfux (Tobias Saalfeld) ist seit mehr als vier Jahrzehnten Union-Fan. Er arbeitet freiberuflich für Bühne, Funk und Fernsehen – auch in dieser Branche ist er als Autor aktiv.

Beecke (Christian Beeck), ehemaliger Bundesliga-Spieler (Hansa Rostock, Energie Cottbus) und ehemaliger Union-Manager mit 21 Einsätzen für DDR-Junioren, stammt aus dem eigenen Nachwuchs von Union. Beecke ist Vater von zwei Kindern und unterstützt den Blog als Berater.

Unionfux: Das Wochenende bringt die ersten Testspiele mit sich, darunter am Samstag ein Aufeinandertreffen mit Oberligist Optik Rathenow. An der Seitenlinie steht dort Ingo Kahlisch, der unfassbare 34 Jahre Trainer ist – seit Juli 1989! (Da reden viele von Frank Schmidt, der jedoch erst halb so lange bei Heidenheim tätig ist). Übrigens ist die Begegnung schon restlos ausverkauft. Am Sonntag geht es weiter nach Lübben, die mittlerweile nur noch in der Landesklasse spielen.

Trainer Mauro Lustrinelli fühlt sich nach eigener Aussage nach wenigen Tagen schon wie zuhause und wird seine ersten Eindrücke vertiefen. Er wird sich unter anderem mit unserem fast schon traditionellen Mangel an Kreativität im Mittelfeld beschäftigen und überlegen, wie man dem entgegenwirken kann. Laszlo Benes wird jedenfalls keine Lösung sein – er hat gerade einen Vertrag bei KAA Gent unterschrieben, der ihm einen Vierjahresvertrag bietet. Gent ist sportlich eine ansprechende Adresse und eine schöne Stadt.

Union erhält, wie man hört, rund 1,1 Millionen Euro Ablöse für Benes – HSV hatte damals drei Millionen bekommen. Eine weitere finanzielle Niederlage verbunden mit der Frage: Was hat man sich damals dabei gedacht? Benes bekam bei uns nie eine echte Chance. Wer dafür verantwortlich ist, ist unklar, doch eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus – außer für Gent, die günstig einen soliden Spieler erhielten.

Ist jetzt der Weg frei für Kastriot Imeri von den Young Boys Bern, der letzte Saison mit Lustrinelli bei FC Thun Meister wurde? Thun zog die Kaufoption nicht, weil zu teuer, in Bern möchte Imeri wohl nicht bleiben. Lustrinelli weiß, was der technisch starke Spielmacher zu leisten vermag. Unsere Erfahrungen mit Spielern aus der Schweiz sind bislang eher dürftig, aber für höherwertige Spieler fehlt uns einfach das Geld. Mal sehen, ob sich dieses Gerücht bestätigt und ob er die Bundesliga meistern kann.

Fest steht hingegen, dass Stanley Nsoki bei uns bleibt, wie seit Wochen gemunkelt wird. Die Hoffenheimer erhalten 1,5 Millionen Euro (sie hatten selbst 12 Millionen gezahlt). Nsoki ist Linksfuß, lief in der letzten Saison nur 14-mal auf und konnte nicht immer überzeugen, allerdings fiel seine Schnelligkeit und die zwei starken Vorlagen in Stuttgart und Freiburg positiv auf. Die Frage bleibt: Gibt es für diese Summe einen besseren linksfüßigen Innenverteidiger mit ähnlicher Erstligaerfahrung? Oder hat der Franzose Versagen gezeigt und man holt ihn trotzdem, aus unerklärlichen Gründen, wie einst bei Jeong vor einem Jahr?

Die Antwort wird die Zukunft bringen. Aktuell gibt es berechtigte Zweifel. Auch bei Marvin Friedrich gibt es Fragezeichen, mit Nsoki hinzu – sind das wirklich nur solide Ersatzspieler oder reicht das für eine dringend notwendige Defensive? Optimismus ist gefragt, doch die Transfers der letzten Jahre haben eine gewisse Grundskepsis erzeugt. Es ist nun mal nicht so, dass bei uns immer die besten Entscheidungen getroffen werden, die beruhigen und einem sagen „Die Verantwortlichen wissen schon, was sie tun“.

So sieht unsere Innenverteidigung aktuell aus, und sofern nicht noch Querfeld überraschend den Verein verlässt, ist kein weiterer Neuzugang zu erwarten.

Wir hoffen, dass der Qualitätsverlust nicht zu groß ist. Persönlich traue ich nur van den Bosch zu, Doekhi halbwegs zu ersetzen. Bei den anderen habe ich Zweifel, es fehlt wohl an der Qualität – es sei denn, es gelingt ein Wunder oder Lustrinelli zaubert. Daher bleibt aktuell nur ein vorsichtiger Optimismus.

Abseits dessen freuen wir uns, dass der (wirklich relevante) Ball endlich wieder rollt – wenn auch nur in Testspielen. Alles Weitere wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Icke: Oh Mann, wie habe ich mich geärgert! Doch ich bin selbst schuld. Ich hatte ein Ausscheiden Deutschlands gegen Paraguay einfach nicht einkalkuliert. Eigentlich unmöglich. 947 Millionen gegen 154 Millionen – das sind die Marktwerte der Spieler. Und dennoch geschah es. Millionen von Menschen blieben die halbe Nacht wach und konnten nach dem Spiel erst recht nicht einschlafen. Das Ganze war zu surreal. Blamage trifft es kaum.

Und dann lobt auch noch unser Bundeskanzler die deutsche Mannschaft. Wirklich? Ja leider, offenbar spiegelt das die gegenwärtige politische Situation wider. Zitat: „Mit Eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt Ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf Euch.“ Ich hielt das zunächst für eine Falschmeldung. Nein, das sagte er wirklich bzw. ließ es in seinem Namen verbreiten. Mir fehlen die Worte, wenn das unser Anspruch sein soll.

Die Mannschaft blamiert sich völlig, die Politik spricht es schön – fehlt nur noch der DFB. Der zieht sich einfach zurück. Keine Pressekonferenz, keine Informationen, nur eine vorbereitete, inhaltsleere Stellungnahme des DFB-Präsidenten. Natürlich ist es ihnen peinlich, zu diesem Fiasko Stellung zu beziehen. Wahrscheinlich wissen sie nicht, wie sie mit den Reaktionen umgehen sollen. Verständlich, aber nicht akzeptabel. Das ist schlicht feige.

Zum Spiel selbst lohnt es kaum, viel zu sagen. Gegen Paraguay muss eine deutsche Mannschaft einfach gewinnen – egal ob in der regulären Spielzeit, der Verlängerung oder im Elfmeterschießen. Dass Tahs Tor zurückgenommen wurde, war ein schwerwiegender Fehler. Es war ein klares Tor, ohne Wenn und Aber. Kaum ein Spieler erreichte seine Normalform. Mehr ist nicht zu berichten. Paraguay schlägt Deutschland bei einer WM im Elfmeterschießen – ich kann es immer noch kaum fassen.

Ähnlich wie bei Union-Trainer Steffen Baumgart wurde der Vertrag von Nagelsmann im Januar verlängert. Doch bei Nagelsmann reden wir gleich von 14 Millionen Euro für zwei Jahre – unglaublich! Nein, Nagelsmann sollte nicht weitermachen. Seine Aussagen nach schwachen WM-Spielen zeigten, dass er überfordert ist. Alles andere als ein Klopp-Engagement wäre jetzt wieder ein Fehler. Warten wir ab. Einen Tag nach dem Debakel weiter über den deutschen Fußball zu schreiben, wäre wohl falsch. Eisern.

Unionfux: Am heutigen Montag beginnt die Mannschaft die neue Saison. Die ersten zwei Tage sind für die üblichen Untersuchungen und Tests reserviert, erst am Mittwoch folgt die erste Trainingseinheit unter Mauro Lustrinelli. Zum Glück hat sich das Wetter gebessert, ernsthafte Arbeit ist bei 40 Grad kaum machbar.

Wir stehen erneut vor einem Neuanfang, einem Umbruch. Noch ist unklar, wie groß der ausfällt und wie viele Veränderungen der Schweizer Meistertrainer vornehmen möchte und kann. Bisher hat sich nur in der Innenverteidigung etwas getan: Friedrich und van den Bosch sollen Leite und Doekhi ersetzen, wahrscheinlich wird auch Nsoki fest verpflichtet. Ansonsten gibt es nur Gerüchte, eines besagt, dass der Wechsel von WM-Teilnehmer Khedira zu Borussia Mönchengladbach wohl geplatzt ist.

Erst wenn der Kader einigermaßen steht, wird sich zeigen, wie Lustrinelli aus dem spielerisch schwachen Team ein einigermaßen passables Ensemble formen kann. Dabei hoffen wir, dass Lustrinelli ein revolutionärer Trainer mit Augenmaß ist, der die Fortschritte den Möglichkeiten anpasst – daran erkennt man einen wirklich guten Coach.

Es wäre großartig, wenn wir in dieser Saison die notwendigen Schritte nach vorne machen und das Chaos und die Unruhe der letzten drei Jahre, obwohl es bisher irgendwie gut ging, hinter uns lassen. So bleibt die Bundesliga erhalten – oder wir der Bundesliga. Denn irgendwann, Beispiele gibt es genug, auch in dieser Stadt, geht das nicht mehr glimpflich aus.

Viele glauben, spielerisch schwacher Fußball gehöre zur Union-DNA – ich halte das für einen Mythos, eine wohlfeile Ausrede für schwer erträgliche Darbietungen. Erfolgreich kann das langfristig nicht sein. Ein Verein kann sich nicht ständig dieselben Fehler leisten.

Vielleicht ist ja Mauro Lustrinelli der Trainer, der wirklich zu uns passt, mit hoher Identifikation, der in den kommenden Jahren eine neue Ära prägen kann. Gleichzeitig könnte Horst Heldt endlich einen funktionierenden Kader zusammenstellen, inklusive einiger Glücksgriffe, die notwendig sind, auch wenn unsere finanziellen Mittel eher begrenzt sind und lukrative Verkäufe unwahrscheinlich erscheinen.

Zum Beispiel von den 55 Millionen Euro plus Boni, die Eintracht Frankfurt für Linksverteidiger Nathaniel Brown von den Bayern erhalten wird, können wir nur träumen. Insofern werden die kommenden Wochen spannend – auch wenn ein erstes Fazit frühestens nach zehn Spieltagen im November möglich ist. Aktuell ist es noch ungewiss, wohin die Reise geht – aber wir freuen uns, dass es endlich wieder losgeht.

In den letzten Tagen kam heraus, dass Diogo Leite, obwohl jahrelang von europäischen Topklubs umworben, überraschend nach Saudi-Arabien zum Aufsteiger Al-Diriyah wechseln will – trainiert von Alfred Schreuder. Die Verwunderung ist groß, denn die sportliche Herausforderung scheint nicht allzu reizvoll, und Leite ist erst 27 Jahre alt.

Allerdings zahlt man in Saudi-Arabien überdurchschnittliche Gehälter. Dort spielen Stars wie Mane und Coman, auch Ronaldo und Benzema waren dort aktiv. Ähnlich verlief es vor einigen Jahren in China, auch wenn die goldenen Jahre dort vorbei sind. Wer könnte es Leite verdenken, bei einem lukrativen Angebot für ein paar Jahre finanziell ausgesorgt zu haben? Der Profifußball dreht sich eben auch ums Geld, das hat sich in den letzten Jahrzehnten noch verstärkt – und alle machen mit, einschließlich der Fans. Man kann das anders sehen, aber das ist wohl reine Fußballromantik.

Außerdem bin ich dankbar für jeden Ex-Unioner, der zukünftig nicht gerade gegen uns über sich hinauswächst.

Also auf in die Ära Lustrinelli – (hoffentlich) der Trainer-Gott!

Icke: Am Montag um 22.30 Uhr steht das erste K.o.-Spiel der WM an – Deutschland trifft auf Paraguay. Zur WM 2002 hatte Rudi Völler mit Deutschland ebenfalls Paraguay in der K.o.-Runde. Damals siegte Deutschland mühsam mit 1:0. Ein Kantersieg ist nicht zu erwarten. Paraguay wird das Spiel gegen Ecuador sorgfältig analysiert haben und verfügt ebenso über schnelle Spieler. Wenn sie körperlich aggressiv auftreten, wird es ein spannendes Spiel.

Linksverteidiger Brown soll wieder fit sein und für Raum spielen, Rüdiger wird in der Innenverteidigung zurückkehren. Es ist zu befürchten, dass dies die einzigen Änderungen im deutschen Team sein werden. Nagelsmann traut sich offenbar nicht mehr. Ich würde – als Lehre aus den bisherigen Spielen – mehr verändern: Brown rechts, Raum links, beide defensiv stärker als Kimmich. Kimmich auf die „6“ neben Nmecha. Pavlovic hat keine gute Form. Im Angriff würde ich Undav für Sane bringen. Dann wäre Havertz die hängende „9“, Undav die Spitze, flankiert von Wirtz und Musiala. Das wäre stärker. Alternativ könnte Thiaw defensive Positionen übernehmen, Brown dafür nach links rücken. So viel Mut zur Veränderung zeigt der Bundestrainer nicht. Paraguay sollten wir aber besiegen. Wenn es dann gegen Frankreich geht, muss ohnehin verändert werden. Also lieber gegen Paraguay Neues ausprobieren.

Paraguay hat im Kader nur fünf Spieler mit zweistelligem Marktwert: Alderete (13 Mio., bekannt von Hertha), Gomez (25 Mio., Brighton), Enciso (25 Mio., Straßburg), Mauricio (15 Mio., Palmeiras) als „10“ und Sosa als hängende „9“. Die paraguayische Defensive ist stark und eingespielt, Brasilien und Argentinien haben das bei der Südamerika-Qualifikation erfahren. Sie verteidigen 90 Minuten kompakt und greifen dann schnell umschaltend an. Wenn der Gegner schläft, kann so etwas ganz schnell zum Sieg gegen große Teams führen.

Wenn Deutschland dagegenhält, kämpft und Musiala und Wirtz endlich in Form sind, gewinnen wir klar und deutlich. Wir haben mehr Potenzial als die Südamerikaner – wir müssen es nur abrufen! Eisern.