Ganz nach oben! Ein Sachse schafft den Sprung zum Bundesliga-Schiedsrichter
Von Jörg Schurig
Dresden – Für Fußball-Schiedsrichter Richard Hempel (28) begann die neue Saison mit einem intensiven Duell. Das Aufeinandertreffen zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem Karlsruher SC war trotz fehlender Tore keineswegs langweilig.
„Ich schätze es, wenn ein Spiel den Charakter eines Derbys hat und die Akteure sich gegenseitig fordern. Natürlich gibt es aber auch klare Grenzen“, resümiert der Unparteiische im Nachhinein. Bereits nach 25 Minuten hatte der 28-Jährige vier Gelbe Karten verteilt. Danach beruhigte sich das Geschehen. Im Anschluss erhielt er sowohl von den Anhängern als auch von FCK-Trainer Torsten Lieberknecht (53) viel Anerkennung.
Für Hempel, der aus einer kleinen Gemeinde in Ostsachsen stammt, ist diese Saison gleichzeitig ein persönlicher Meilenstein. Während er bisher nur als Vierter Offizieller Bundesliga-Luft schnuppern durfte, wird er nun auch aktiv Spiele in der höchsten Spielklasse leiten. „Die Bundesliga zu pfeifen, ist für mich ein wahr gewordener Traum“, erklärt der studierte Sozialarbeiter, der außerdem als Deeskalationstrainer tätig ist.
„Es ist ein großartiges Gefühl, zu den 22 besten Schiedsrichtern Deutschlands zu gehören und sagen zu können: Ich darf Bundesliga-Spiele leiten – einfach unglaublich.“
Sein Erfolg kam nicht aus dem Nichts. Bereits im Alter von zwölf Jahren leitete er seine erste Partie und arbeitete sich kontinuierlich durch die verschiedenen Spielklassen nach oben. Insbesondere als er in der Regionalliga als Schiedsrichter und gleichzeitig als Assistent in der 3. Liga unterwegs war, reifte in ihm der Entschluss, das Schiedsrichterwesen professionell zu verfolgen. Ende der vergangenen Saison zählte Deutschland exakt 63.222 Schiedsrichter – eine Steigerung zum dritten Mal in Folge.
Abgesehen vom Berliner Daniel Siebert (42) ist Hempel gemeinsam mit dem Rostocker Bastian Dankert (46) der einzige Ostdeutsche, der aktuell in der Bundesliga pfeift.
Seine Art der Spielleitung beschreibt Hempel mit einem Augenzwinkern als „Zuckerbrot und Peitsche“. Aus den Aufnahmen seiner sogenannten RefCam – einer Mini-Kamera, die am Headset befestigt ist – ist zu erkennen, wie er im Spiel zwischen FCK und KSC Einfluss auf die Spieler nimmt. Einen Akteur lobt er für sein faires Verhalten, während ein anderer Spieler eine etwas schärfere Ansprache bekommt.
Die Akteure sollen wissen, wie Hempel tickt. Für ihn steht vor allem die Rolle als Ansprechpartner und Vermittler im Vordergrund. Deshalb spricht er auf dem Spielfeld die Spieler mit „Du“ an. Sollte jemand das nicht wünschen, respektiert er dies selbstverständlich.
„Ich wünsche mir, dass einige Spieler irgendwann denken: ‚Heute ist Richie der Schiedsrichter, dann weiß ich genau, was erlaubt ist und was nicht. Gleichzeitig können wir aber auch vernünftig miteinander kommunizieren.‘“
Er möchte auf jeden Fall als ein Referee wahrgenommen werden, „mit dem man sprechen kann“ und nicht als Gegner oder Feindbild.
Sein äußeres Erscheinungsbild unterstützt ihn dabei sicher: Mit fast zwei Metern Körpergröße überragt Hempel die meisten anderen auf dem Spielfeld. Doch nicht nur deshalb wurde er 2016 vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) aufmerksam beobachtet. Bereits mit 18 Jahren leitete er ein U18-Sichtungsturnier in Duisburg.
„Richard Hempel hat in der 2. Bundesliga hervorragende Leistungen gezeigt. Aus diesem Grund hat er sich den Aufstieg in die Bundesliga und das damit verbundene Vertrauen mehr als verdient“, erklärt Knut Kircher (57), Geschäftsführer für Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH.
Als Hempel telefonisch über seine Berufung in die Bundesliga informiert wurde, stand er gerade in der Küche und bereitete das Abendessen vor. „Es war ein wunderschöner Moment, weil in diesem Augenblick ein Traum für mich in Erfüllung ging“, gesteht er.
Anfangs wusste er gar nicht, wie er mit all den Emotionen umgehen sollte und informierte sofort seine Familie. Schon als Kind hatte er gemeinsam mit seinem Vater die Grundlagen der Schiedsrichtertätigkeit erlernt. Den Sommer nutzte er für einen Aufenthalt in Italien, um neue Kraft für die bevorstehende Saison zu sammeln. Ein Schiedsrichter muss nicht nur geistig wach, sondern auch körperlich topfit sein.