Kaum Erwartungen – trotzdem ernüchternd? Harte Kritik nach deutschem Biathlon-Debakel
Antholz (Italien) – Für die deutschen Biathleten endeten die Olympischen Spiele mit der schwächsten Leistung seit 1976, während die Konkurrenz weiter enteilt ist. DSV-Legende Sven Fischer (54) übt scharfe Kritik an den Strukturen im deutschen Biathlon.
Obwohl das Team lediglich eine einzige Bronzemedaille in elf Rennen erringen konnte, möchte der zweifache Gesamtweltcup-Sieger nicht von einer Enttäuschung sprechen.
„Enttäuscht sein kann man nur, wenn man sehr hohe Erwartungen hat – das war bei mir nicht der Fall“, erklärte der 54-Jährige nüchtern gegenüber der WAZ.
Er empfinde es als „bedauerlich, dass wir nicht stärker um die vorderen Plätze mitkämpfen konnten. Grundsätzlich spiegeln die Olympischen Ergebnisse jedoch nur die Leistungen aus dem Weltcup wider: Manchmal gute Resultate, Podestplätze dagegen selten.“
Zwar habe die Konkurrenz deutlich zugelegt im Vergleich zur Vergangenheit, doch auch die Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt bei den deutschen Athleten sei nicht optimal gewesen, manche waren nicht in Bestform.
„Insgesamt ist auch die Altersstruktur problematisch. Andere Nationen sind jünger und breiter aufgestellt“, betonte Fischer und brachte es auf den Punkt: Beim deutschen Nachwuchs besteht Nachholbedarf!
Dabei verfüge Deutschland nicht über weniger Talente als beispielsweise Frankreich, die bei den Spielen beeindruckende 13 Medaillen, darunter sechs Goldene, gewannen. „Wir haben viele Junioren-Weltmeister und talentierte junge Sportler. Die Frage ist nur: Warum schaffen sie es nicht ganz nach oben?“, fragte der vierfache Olympiasieger.
Biathlon sei eine Disziplin, bei der man mit viel Fleiß und Trainingsarbeit sehr erfolgreich sein könne, erläuterte der heutige TV-Experte. Anders als bei Sprints bedürfe es nicht bestimmter genetischer Anlagen.
Ein Paradebeispiel dafür sei der Norweger Johan-Olav Botn (26), der rund 50 Prozent mehr Ausdauertraining absolviert als viele deutsche Athleten – in dieser Saison wurde er dafür mit der Führung im Gesamtweltcup und Olympiagold im Einzel belohnt.
Doch in Deutschland gebe es bereits bei den Grundlagen massive Probleme, kritisierte Fischer: „Unser Nachwuchs wird oftmals geradezu schlampig behandelt.“ Auch beim Trainingsfleiß sieht der 54-Jährige Defizite: „Ich sage es mal ganz offen: Wenn ein Athlet meint, er habe hart trainiert, nur weil er eine Blase an der Hand hat, antworte ich ihm: Das ist schon gut – aber dein Konkurrent hat zwei.“
Um Fortschritte zu erzielen, müsse man offen und ehrlich miteinander sprechen, Kritik zulassen und den jungen Sportlern Zeit geben, aus Fehlern zu lernen. Zudem müsse man eine konstruktive Fehlerkultur etablieren, warnte er: „Andernfalls bleiben wir weiterhin ein guter Vierter.“