Was ist los mit dem einstigen Biathlon-Vorreiter Deutschland? Rekordweltmeister spricht klare Worte aus
Antholz (Italien) – Nach neun von insgesamt elf Wettbewerben bei den Olympischen Spielen in Italien kann der Deutsche Skiverband (DSV) bei den Biathlonwettkämpfen lediglich eine Bronzemedaille vorweisen. Diese wurde gleich im Auftaktrennen errungen und nur, weil andere Teams noch größere Fehler machten als das deutsche Team. „Ich bin sehr enttäuscht“, zog nun der norwegische Rekordweltmeister Johannes Thingnes Bø (32) sein Fazit.
„Weder die Damen noch die Herren haben bislang ihr Leistungsniveau gezeigt“, äußerte der fünffache Olympiasieger im Interview mit Sport1. Ein Blick auf die Medaillentabelle im Biathlon bestätigt seine Einschätzung: Deutschland teilt sich mit Bulgarien den fünften Rang, deutlich abgeschlagen hinter den führenden Nationen.
Bø unterstrich: „Norwegen und Frankreich haben mittlerweile einen deutlichen Vorsprung gegenüber den anderen Ländern, und es ist bedauerlich zu sehen, dass Deutschland, obwohl es eine bedeutende Nation im Biathlonsport ist, bislang nur eine Bronzemedaille erringen konnte.“
Der 32-Jährige, der seine Laufbahn nach der vergangenen Saison mit insgesamt 43 WM-Medaillen und 118 Weltcupsiegen beendete, forderte „eine gewisse Art von Veränderung“. Die Voraussetzungen seien vorhanden, denn Biathlon sei in Deutschland „der populärste Wintersport“.
Für die weitere Entwicklung des gesamten Sports sei es laut Bø essenziell, „dass Deutschland auf dem Treppchen vertreten ist“.
Seit dem Rücktritt der früher dominierenden deutschen Athleten werden Podestplätze für das DSV-Team immer seltener. Bei den Frauen sorgte bisher Franziska Preuß (31) für Erfolge, doch auch sie hat im bisherigen Verlauf der Winterspiele Schwierigkeiten. Zudem wird auch sie ihre Karriere am Saisonende beenden.
Dennoch ruhen am Samstag nahezu alle deutschen Hoffnungen erneut auf der 31-Jährigen. „Ich glaube wirklich daran, dass Franzi im Massenstart eine Medaille holen kann“, betonte auch Bø.
Der Norweger wolle „Franzi einfach nur viel Glück wünschen und ihr raten: ‚Bleib ruhig und genieße es‘“. Preuß war schon mehrmals „ganz nah dran“. Doch „wenn es am Ende nicht läuft“, kann Biathlon eben „eine der härtesten Sportarten sein“.
Bislang wartet die Gesamtweltcupsiegerin der vergangenen Saison noch auf eine Einzelmedaille bei den Olympischen Spielen. Schafft sie es ausgerechnet in ihrem letzten Olympia-Rennen, dem Massenstart am Samstag um 14.15 Uhr?
24 Stunden zuvor bekommt das Herren-Team um Philipp Nawrath (33) noch einmal die Gelegenheit, eine Medaille zu erringen.
Bleibt auch in beiden Wettbewerben die Medaillenhoffnung aus, wären die Spiele in Antholz ein historischer Tiefpunkt für den DSV! Noch nie zuvor hatten deutsche Biathleten bei Olympischen Spielen weniger als zwei Medaillen gewonnen.