Gewichtheberin sorgt sich um Familie im Iran und hofft auf EM-Gold: „Manchmal kommen mir die Tränen“
Von Christian Johner
Leimen – Trotz der ungewissen Lage ihrer Familie im Iran und der anhaltenden Konflikte in ihrer Heimat kehrt bei der 21-jährigen Gewichtheberin Yekta Jamali zumindest für kurze Momente das Lächeln zurück.
Wenn sie über ihre sportlichen Ziele spricht, funkeln ihre Augen. Ihr Traum ist es, für Deutschland Medaillen zu gewinnen – idealerweise bereits bei der Europameisterschaft, die am 19. April in Georgien startet. Dort wird die aus dem Iran geflüchtete Athletin, die mittlerweile in Baden-Württemberg lebt und trainiert, erstmals die schwarz-rot-goldenen Farben bei einem großen Wettbewerb vertreten.
Während Jamali ihren Sporttraum verfolgt, hat sich die Lage in ihrem Geburtsland zu einem Alptraum entwickelt. Ihr größter Wunsch ist Freiheit – für ihre Familie und alle Menschen im Iran.
„Manchmal bin ich traurig, manchmal muss ich auch weinen“, erzählt Jamali, die sonst für ihre fröhliche Art bekannt ist. „Normalerweise lache ich viel und bin meistens gut gelaunt.“
Doch die Sorge um ihre Angehörigen im Iran lässt ihr Lächeln schnell verblassen. „Ich hoffe sehr, dass es meiner Familie gut geht“, sagt sie. Die komplette Familie lebt im Iran und ist aufgrund der durch den Krieg zerstörten Infrastruktur zum Teil vom Rest der Welt abgeschnitten.
Auf die Frage, wie sie den Kriegsbeginn Ende Februar erlebt habe, antwortet die Gewichtheberin: „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Krieg so lange andauert.“
Im Alter von 17 Jahren nutzte sie 2022 bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Griechenland die Chance zur Flucht nach Deutschland. „Ich habe damals beschlossen, nicht mehr in den Iran zurückzukehren, weil die Bedingungen für Frauen und Gewichtheberinnen dort sehr schwierig waren“, beschreibt Jamali ihre Entscheidung.
Zwei Jahre später, bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris, startete sie für das Flüchtlingsteam des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und erreichte in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm im Zweikampf aus Reißen und Stoßen den neunten Platz.
„Yekta hat mich von Anfang an mit ihrer starken Persönlichkeit beeindruckt“, berichtet Michael Vater, Sportdirektor des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber (BVDG).
Am 4. Februar, nur wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges im Iran, erhielt Jamali ihre Einbürgerungsurkunde – ein bedeutender Meilenstein auf ihrem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles, für die sie fest für Deutschland antreten möchte. „Ich freue mich sehr, denn wir haben viel unternommen, damit ich nach Deutschland kommen konnte“, sagt sie.
Bundestrainer Almir Velagic hat große Hoffnungen in Jamali. Für die Olympischen Spiele 2032 in Brisbane, wenn sie 27 Jahre alt sein wird, hält er eine Medaille für durchaus erreichbar.
„In diesem Alter ist man für eine Gewichtheberin in der Regel auf dem Höhepunkt. Wenn sie gesund bleibt und sich weiterhin so entwickelt, sind höhere Ziele durchaus realistisch“, erklärt Velagic, der Jamali als ambitioniert und willensstark beschreibt.
Doch zunächst steht die EM an: Für die Titelkämpfe in Georgien peilt sie in der Gewichtsklasse bis 77 Kilogramm persönliche Bestleistungen an. Diese liegen aktuell bei 108 Kilogramm im Reißen und 133 Kilogramm im Stoßen.